Leseprobe Kapitel 16: Ein Sandkorn
Immer noch war da nichts, aber in der herrschenden Leere, die hier seit Ewigkeiten ihre Machtlosigkeit ausgespielt hatte, war nun etwas. Sorbad störte wieder, aber diesmal war er nicht als Entdecker, Pionier oder Beobachter gekommen. Nein, diesmal war er ein Schöpfer. Es sollte nichts Großes sein, was er erschaffen wollte, kein Tier, kein Einzeller, nicht einmal etwas Lebendiges. Aber auch kein Gegenstand, nicht so etwas Komplexes. Was er erschuf, war ein Korn, ein schlichtes Siliziumsandkorn. Er hatte es geschafft, sich selbst in der Leere zu halten, sich nicht zu verlieren, und nun konzentrierte er sich darauf, ein Sandkorn zu erschaffen. Mehrere Millionen Molekülverbindungen brannte er mit seiner Willenskraft in das Nichts einer endlosen Dimension. Es knallte, und ohrenbetäubender Lärm hätte sich ausgebreitet, wenn es ein Medium gegeben hätte, in dem sich die Schallwellen hätten bewegen können.
Sorbad war schwach. Er verschwand. Zu viel Kraft hatte ihn dieser Akt gekostet.
Die dimensionalen Wellen des Nichts waren gestört. Sie kannten kein Sandkorn, sie kannten auch keinen Sorbad, aber immerhin verweilte dieser sonst nur kurz. Und nun war da ein Korn, ein einziges Stück Materie, das nicht hierher gehörte. Die Dimensionswellen des Nichts brachen sich an dem Korn, wurden reflektiert, abgelenkt oder absorbiert. Erst entstanden nur kleine Strudel und ein paar Verwirbelungen, aber hier und da tauchten schon bald größere Strömungen auf. Sie prallten gegeneinander, flossen ineinander, verstärkten oder schwächten sich. Bald brachen ganze Lawinen mit ungeheurer Energie aufeinander. Urgewalten stürmten los, orkanartige Strudel sogen weitere Wellen der im absoluten Chaos verlorenen Dimensionswellen auf, wurden größer, krachten, heulten und dröhnten durch das Nichts.
Mitten in all den Energiewölbungen der Dimension stand ein kleines Sandkorn still. Dimensionswellen haben keine Masse, mit der sie Kraft ausüben könnten. Und so verharrte es, unwissend, was aus ihm einmal entstehen würde.
Die Energie wurde größer und kumulierte in einem einzigen Knall, dessen Kraft die dimensionale Leere durchbrach und in Materie kristallisierte, die sich nun vom Punkt des Sandkorns aus mit unsäglicher Geschwindigkeit ausbreitete. Es entstanden die verschiedensten Atome. Moleküle knüpften sich aneinander. Es entstand Gold, Schwefel, Sauerstoff. Weitere Siliziumkörnchen gesellten sich zu dem einen, das immer noch unbewegt in der Mitte des sich nun ausbreitetenden Universums schwebte.
Noch rasten riesige Brocken auseinander, und weitere Materie wurde hinterher geschoben, sodass sich die Leere langsam füllte. Aber mit der Zeit, die genauso unaufhaltsam ihren Platz in dem neuen Universum beanspruchte, würden die Planeten, Kometen, Asteroiden und andere Himmelskörper langsamer werden, und vielleicht würde sich sogar auf einigen wenigen von ihnen Leben entwickeln.